Wie sich der Kollaps der deutschen Automobilindustrie abspielen wird

Mario Herger auf derletztefuehrerscheinneuling.com Für kurze Zeit letzte Woche war Tesla mehr Wert als Ford und GM, und kam in Reichweite von BMW. Wie es zu dieser astronomischen Bewertung kommt, obwohl Tesla gerade mal ein Zwanzigstel des Umsatz von GM macht, haben wir bereits mehrmals diskutiert. Die Bewertung lässt eine Vorahnung zu, wie sich die nächsten Monate und Jahre abspielen werden. Vor allem, wie der Kollaps der deutschen Autoindustrie geschehen wird. Die Signale sind sichtbar, und das deutlichste war vor einem Jahr, als Tesla beinahe 400.000 Vorbestellungen für sein Model 3 erhielt. Der iPhone-Moment für die Automobilindustrie kündigt sich mit Ansage an, und ab Juli diesen Jahres werden wir den Abgesang live miterleben. Wie also wird er vor sich gehen? UPDATE: Wir haben eine Death Watch der deutschen Automobilindustrie begonnen, in der wir Meldungen und Fakten sammeln, die deutsche Hersteller betreffen.

Phase 1 – Sommer 2017

Die ersten Tesla Model 3 werden ab Sommer ausgeliefert. Nach einigen zu erwartenden Anfangswehwehchen werden die meisten Probleme ausgemerzt sein und die Produktion langsam erhöht werden. Zwischen 100.000 bis 150.000 Teslas aller drei Modellreihen S, 3 und X werden am Ende des Jahres an Kunden ausgeliefert worden sein. Mit der erfolgreichen Auslieferung des Model 3 werden zum ersten Mal auch Autokunden mit knapperer Kasse durch die Medienresonanz ein Elektrofahrzeug in Betracht ziehen. Testfahrten mit Model 3 Besitzern oder bei den Händlern werden viele überzeugen. Wir werden eine Flut an YouTube-Videos und Beiträgen zu diesem Thema sehen, wie die Beschleunigung des Model 3 ist, wie der Touchscreen funktioniert, und wie die aktuellen Autopilot-Versionen ihre Fähigkeiten zeigen.

Phase 2 – Zweite Hälfte 2017

In der zweiten Hälfte 2017 wird ein serienmäßig ausgestatteter Tesla eine vollständig autonome Fahrt von Los Angeles nach New York City machen und damit demonstrieren, dass die seit 19. Oktober 2016 produzierten Teslas mit dem Autopilot Hardware Kit 2 dazu fähig sind. Zu diesem Zeitpunkt werden mindestens 100.000 Fahrzeuge mit diesem Hardware Kit ausgestattet sein. Die Autopilot-Software wird dann in den kommenden Wochen und Monaten durch Over-the-air-Updates auf die Kundenfahrzeuge gespielt werden und immer mehr autonome Fahrfunktionen zeigen. Zuerst Level 3 und auf gewissen Straßenzügen und Gebieten Level 4. Da die ausgelieferten Tesla-Modelle seit Oktober passiv Daten sammeln und mit der immer größer werdenden Anzahl an Teslas auf den Straßen eine exponentiell steigende Datenmenge an das Mutterschiff weitergeleitet werden, kann die gesamte Tesla-Flotte sehr viel schneller lernen und besser werden. Spätestens jetzt werden die anderen Hersteller erahnen, was da passiert. Sie, die noch nicht mal sicher sind, ob Kunden überhaupt autonomes Fahren wünschen, werden panisch beginnen, ihre eigenen Modellreihen umzustellen, um die entsprechenden Sensoren einzubauen. Das wird aber dauern, da die Entscheidungen welche Sensoren und Prozessoren eingebaut werden müssen in den schwerfälligen Organisationen Zeit brauchen, und mit Lieferanten erst die Bestellungen und Konditionen ausgehandelt beziehungsweise vorgezogen werden müssen. Bis dann die ersten 3er BMWs, C-Klasse Mercedes oder Audi A4s mit diesen Sensoren ausgeliefert werden, vergehen locker zwei Jahre, wenn nicht mehr. Teslas Marktbewertung wird bis zu 70 Milliarden Dollar erreichen und damit mehr wert sein als BMW, GM und Ford, und knapp an Mercedes dran sein.

Phase 3 – Ab 2018

Im Verlauf 2018 wird es Tesla gelingen die Produktionszahlen auf über 200.000 Fahrzeuge zu schrauben. Die Neubestellungen werden bis Endes des Jahres, angetrieben durch die ursprünglich noch Abwartenden in einer zweite Welle vermutlich nochmals bis zu 400.000 erreichen. Gleichzeitig werden die Absatzzahlen der deutschen Hersteller ein Plateau erreichen oder sogar erste Einbrüche erleiden. Der Tesla-Autopilot wird immer sicherer, gleichzeitig wird es aber auch erste Unfälle geben. Dabei werden manche Länder versuchen, den Autopiloten zu verbieten, es wird aber kaum gelingen. Gleichzeitig werden die Untersuchungen der Autopilot-Daten der gesamten Flotte zeigen, dass die Fahrzeuge im Autopilotmodus bereits sicherer fahren und immer sicherer werden. Im selben Jahr werden die ersten großen Hersteller, die bisher die Entwicklung von Selbstfahrtechnologie nur halbherzig oder gar nicht betrieben haben, mit Google Partnerschaften eingehen, Selbstfahrstart-ups aufkaufen, oder versuchen sich zusammenzuschließen. Letzteres wird ihnen nicht helfen, aufzuschließen, da nicht so sehr die Software, sondern die gesammelten Daten zählen, und da haben Hersteller mit großen Fahrzeugflotten exponentiell steigende Vorteile. Teslas Marktbewertung wird 100 Milliarden Dollar erreichen. Gleichzeitig halbiert sich der Marktwert der traditionellen Hersteller. BMW und Mercedes könnten damit zu günstigen Akquisitionszielen von Apple oder Google, sofern einer von den letzteren nicht noch Tesla kauft, bevor Tesla zu teuer wird. Mercedes, BMW, VW & Co. droht damit im besten Fall das Schicksal zu Auftragsfertigern für die digitalen Riesen zu werden. Zum Vergleich: zu den sechs größten amerikanischen Unternehmen sind fünf digitale Unternehmen, und die sind alle an der Westküste beheimatet. Amazon, Microsoft, Apple, Facebook und Alphabet/Google. Deren Marktwert im April 2017 betrug 2.700 Milliarden Dollar. Die DAX 30 Unternehmen zusammen hatten 1.100 Milliarden Dollar an Marktwert, wobei SAP mit 100 Milliarden am höchsten bewertet war. Die deutschen Automobilhersteller haben aktuell einen Marktwert von etwas über 180 Milliarden Euro. Apple und Microsoft sind knapp über 40 Jahr alt, Amazon, Facebook und Alphabet/Google weniger als 25.

Phase 4 – 2018 / 2019

Ab 2018 / 2019 brechen die Gewinne der traditionelle Hersteller teils drastisch ein. Hersteller, die schon bisher mit hohen Kostenstrukturen und aufgeblähten Belegschaften kämpften und schwache Margen hatten wie Volkswagen werden in die Verlustzone rutschen. Die Gebrauchtwagenpreise von selbstgesteuerten Verbrennungskraftfahrzeugen werden sinken. Deren Besitzer werden sich beim Neukauf eines Verbrenners zurückhalten und diese länger fahren, da der Eintauschwert geringer als in der Vergangenheit üblich ist. Zum selben Zeitpunkt treten die Fahrverbote für Verbrenner in den Innenstädten in Kraft. Es kommt zu ersten Diskussionen gewisse Straßenzüge und Gebiete zu gewissen Tageszeiten nur für autonome Fahrzeuge zu erlauben. Um dem zu begegnen werden Umrüstsätze für autonomes Fahren populär werden. In der Bugwelle von Tesla schwimmen neue Hersteller aus China und USA, die aggressiv versuchen Marktanteile zu erobern. In Deutschland gibt es keine Start-ups, die sich mit dem Bau eines sowohl autonomen als auch elektrischen Autos beschäftigen. Die ersten kommerziellen Sharingmodelle für autonome Fahrzeuge kommen auf den Markt. Angeführt von Tesla, Google-Waymo und vielleicht Uber wird Fahrzeugbesitz weniger attraktiv werden.

Phase 5 – 2020 bis 2022

Ab ca. 2020 bis 2022 werden Volkswagen und andere Hersteller gezwungen sein, Tafelsilber zu verkaufen, um noch die Umstellung auf E-Antrieb und autonomes Fahren zu finanzieren und beschleunigen. Hersteller wie Volkswagen und Mercedes müssen daraus auch noch den zwischenzeitlich gerichtlich erzwungenen Schadensersatz wegen des Dieselskandals zahlen und finanzieren. Gleichzeitig wird es zu Arbeitskämpfen kommen, da bei jedem Hersteller ein Drittel der Belegschaft abgebaut werden muss. Nämlich diejenige, die Aggregate und alles drumherum baut. Wir reden dabei von einer Entlassungswelle, die alleine in Deutschland innerhalb von weniger als fünf Jahren an die 300.000 Mitarbeiter betreffen wird. Wirtschaftlich und politisch wird es keine Möglichkeit geben, diese Entlassungen abzuwenden. Deutschlandweit wird es zu Streiks kommen. Gewerkschaften und Betriebsräte werden zwar hart kämpfen, sie werden aber verlieren. Während deutsche Hersteller sich an den internen Kämpfen zerreiben, marschieren Tesla, Google & Co munter voran und besetzen den Markt. Tesla ist jetzt der wertvollste Autohersteller der Welt. Zu diesem Zeitpunkt ist in Deutschland der Umstieg aller Taxis auf Elektrofahrzeuge beinahe abgeschlossen. Sie sind billiger, leiser, weniger wartungsanfällig und dürfen in alle Zonen fahren, wo Verbrenner Fahrverbot haben. Der Privatbesitz von Autos sinkt, immer mehr Menschen steigen auf die billigeren und bequemeren Robotertaxidienstleister um. Damit sinken die Produktionszahlen von Herstellern, die diese Kombination nicht anbieten können.

Phase 6 – Um 2025

Spätestens 2025 sind von den drei großen deutschen Herstellern zwei verschwunden oder haben ihre Eigenständigkeit verloren. Die Marke Volkswagen ist weg, Mercedes und/oder BMW wurden von einem der digitalen Riesen gekauft. Von den 2017 deutschlandweit 250.00 Taxifahrern, 540.000 Lastwagenfahrern und 21.000 angestellten Fahrlehrern sind um 2025 zwischen 50 und 80 Prozent überflüssig geworden. Von den 100.000 Tankstellenmitarbeitern werden weniger als die Hälfte beschäftigt sein, Werkstätten werden bis zu 70 Prozent weniger Umsatz haben als 2017. Es dürfen keine neuen Benzin und Dieselfahrzeuge mehr verkauft werden.

Phase 7 – Um 2030

Nach 2025 ist der Gebrauchtwagenmarkt für Verbrenner tot.  Um 2030 wird manuelles Fahren in vielen Städten verboten sein, nur mehr autonome, elektrische Fahrzeuge dürfen sich dort bewegen. Es gibt keine öffentlichen Nahverkehrsmittel mehr, diese werden zurück gebaut und vollständig durch Robotaxis abgedeckt. Der Rückbau von Straßen, Straßenschildern, Ampelanlagen, Parkplätzen und Parkhäusern beginnt. Die letzte Person macht einen Führerschein.

Nachwort

Vielleicht (hoffentlich?) wird sich nicht alles so abspielen, aber das Meiste droht uns genau so, wenn wir es nicht schaffen uns umzustellen und diese Herausforderungen so rasch als möglich anzugehen. Momentan – speziell nach einem Rekordjahr für die deutsche Autoindustrie jedenfalls – sieht es nicht so aus, als ob diese existenzielle Gefahr erkannt wird.

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